Was Zivilisation bedeutet

Erster Teil einer zivilsierten Serie von Lord Harald Nicolas Stazol

 

Orange RolltreppeDie fast an Kristalle gemahnenden, gläsernen Aufzüge, die einen bei der Deutschen Bahn geräuschlos und sicher samt Rollkoffer mit dem LV drauf auf den Perron befördert, wie etwa am Hamburger Dammtor-Bahnhof, dem eleganten, schlanken Gründerzeitbau: Die Türen gehen auf, eine dunkle Frauenstimme sagt „Platform 2“: Das ist für mich Zivilisation.

Wenn man am Jungfernstieg nächtens vor dem Schacht der S-Bahn Reeperbahn zustrebt, der blaue Pfeil die Richtung hinab anzeigt und sich die noch stehenden Aluminium-Rillen beim Betreten wie von Geisterhand in Bewegung setzen; pünktliche, saubere Busse, Sanitäter, die zehn Minuten nach Eingang des Notrufs den Schreiber dieser Zeilen mitnehmen wollen, weil jener Blut im Magen hatte. Der befreundete Baron von Arzt, der das Handy darob eingeschaltet auf den Nachttisch legt, „wenn es nochmals auftritt, ab in die Notaufnahme“ – Gottseidank kam es nicht mehr blutig, Gottseidank nicht die Lungen – auch das ist für mich Zivilisation. Und das man den Baron auch nach einem Privatrezept schickt auf Bitten des Chronisten, wenn der zuständige Psychiater Urlaub hat.Thomas Fiedler Haus

Nun gut: Da bei den Olympischen Spielen der Antike keine Frauen zugelassen waren, hat sich auch kein Athener erhoben, um den Damen ihren Platz anzubieten, „einen Moment, meine Toga“ (natürlich auf Griechisch, gnoti seauton o.ä.) – auch bei den überaus zivilisierten Symposien ging es ohne sie, aber Ehrerbietung brachte man ihnen entgegen, einer Xanthippe vielleicht weniger, einer Sappho, der dem schönen Geschlecht zugewandten, etwa, eine Aphrodite, eine Pallas Athene.

Wenn man der unmoralischen Lebensführung angeklagt ist und der Einführung eines neuen Gottes, kann es ziemlich eng werden, in Athen, um 400 v. Christus.

phrynekammeeKupferstich eine Gemme im Besitz des Herzogs von Marlborough

 

Nichts anderes geschieht der Hetäre Phryne, einem wahren Profi im ältesten Gewerbe der Welt, die durch ihre zahlreichen Liebhaber so reich wird, dass sie anbietet, die Stadtmauern von Theben auf eigene Kosten wieder aufbauen zu lassen, wenn man daraufschreibt, „zerstört durch Alexander, restauriert durch die Hetäre Phryne“, was dann doch abgelehnt wird. Im übrigen erlaubt ihr das viele Geld, „eher zurückhaltend aufzutreten, keine öffentlichen Bäder zu besuchen, keine Schminke zu verwenden und lange, geschlossene Gewänder zu tragen“. Sie hat Fans, viele, unter anderem den Bildhauer Praxiteles, der sie für seine Statue Aphrodite von Knidos Modell stehen lässt, in gewisser Weise ist sie also ein früher Popstar. An einem sonnendurchfluteten Morgen, an denen Griechenland so reich ist, dass der große Historiker Egon Friedell das reine Licht der Sonne für all die Wunder der griechischen Antike in Verantwortung sieht, steht die Dame mit der Vorgeschichte vor Gericht, verteidigt von ihrem Anwalt Hyperides, der passenderweise auch ihr Liebhaber ist. Bedauerlicherweise ist sein Plädoyer wenig überzeugend, und in einem Augenblick, kurz vor Verkündung des Urteils, die Quellen differieren, reißt entweder er ihr – oder sie sich, die Kleider vom Leib, und steht nun da, lichtumflutet, vor den höchsten Richtern Athens, dem Ältestenrat, splitterfasernackt.

 

Die sind vom Blitz getroffen. Vollendete Schönheit, diese Dame, dieses leichte Mädchen muss die Göttin der Schönheit höchstselbst sein, die Aphrodite in Inkarnation! Und, was bleibt ihnen übrig – Freispruch, selbstverständlich. Wir analysieren: Phryne „misbehaves beautifully“, sie benimmt sich in Schönheit daneben – und obsiegt! Den Moment des „beautiful misbehaving“ hat niemand Geringerer als der französische Maler Jean-Léon Gérôme im Jahr 1861 festgehalten, zu sehen ist das Meisterwerk in der Hamburger Kunsthalle, an ziemlich prominenter Stelle. Der entblößte Frauenleib beherrscht das Gemälde, blass und schlank, das Gesicht der Schönheit ist den Blicken entzogen, weil die Hetäre die Arme in schamvollem Entsetzen vor ihr Antlitz reißt, das hellblaue Gewand hat der Liebhaber-Anwalt in einer wellenartigen Bewegung, festgefroren in der Zeit, ein einziges Aufwogen von Seide, schon einen Meter hinter ihr in die Luft gerissen.

Das wahre Wunder des Bildnisses aber sind die Gesichter der Richter, ein Halbrund von alten Männern in Purpur. Einige Blicken verträumt, andere starren in reiner Geilheit, einem fließt der Speichel von den Lefzen, mancher blickt versonnen und auch in reinem Entzücken, ich schwöre, in einem der Männer kann man einen Harvey Weinstein entdecken, aber das nur nebenbei. Durch ein „misbehave beautifully“, Phrynes schön-schlechtes Benehmen, wird das Hohe Gericht, die höchste Autorität entlarvt, sie hält in einem einzigen Akt des sich Danebenbenehmens der gesamten versammelten Gesellschaft der Spiegel vor, ein Fanal der Bigotterie, der Verlogenheit, der falschen Standards, der Verbohrtheit und der doppelten Moral. Und darin liegt eben das Geheimnis des „beautiful misbehavior“. Es ist zuweilen – gehen wir zuweit? – die einzige Sekunde, in der die wahre Wahrheit aufblitzt, in einem Wimpernschlag, alles erhellend, und auf die reine unausweichliche Realität reduziert. Es müsste viel mehr Phrynes geben, das wäre mein Wunsch.

 

Das ist auch Zivilisation. Die Passanten, die das Gespräch mit dem Asylsuchenden suchen, der bettelnd in eine Decke gewickelt vor der alten Postfiliale sitzt (die die dreimal verfluchte Postbank, von der Deutschen übernommen, uns Lokstedtern sofort unsere Post samt Briefkasten und Briefmarkenautomaten weggenommen hat, wegrationalisiert). Dass in der Nachbarschaft diskutiert wird, dass man täglich dreimal an ihm vorbei kommt. Wenn meine Dame Edith vor Aldi die mutmaßliche Mutter anspricht, ob sie ausgerechnet dort betteln müsste, und dann am Zebrastreifen den Sohn entdeckt, aufrecht gehend, ohne autistisches Kopfgenicke … das ist da schon weniger zivilisiert.

Die AfD im Parlament zu haben ist für mich fast das Ende der Zivilisation, Faschisten in Zivil, aber dass ich das sagen darf, ist schon ein Zeichen der Demokratie, die die noch immer tafelnden Griechen im Hause des Sokrates entwarfen und lebten, wobei das damalige Scherbengericht die heutigen Medien sind, aber das nur als apercu.

Ziviler Ungehorsam soll unser nächster Aspekt sein. Er ist eine Abwandlung des Ungehorsams der Phryne, der Schönheit von oben. Doch davon wird noch zu erzählen sein.

to be contd.

 

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