Zivilisation V. Warum Blau die zivilisierteste Farbe ist

Unser Reporter sieht alles durch die blaue Brille

Von Blaublütern über blaue Blumen und “The Blue Boy” bis zur Totenmaske des Tut-anch-Amun. Fünfter Teil einer zivilsierten Serie von Lord Harald Nicolas Stazol

 

 

 

Bis heute sind die fortgeschrittensten Feuerwerker nicht in der Lage, ein strahlendes Blau an den Himmel zu zaubern. Friedrich der Große sah die blauen Chinoiserien der Meissen-Vasen wohl zuerst bei einem Staatsbesuch seines Vaters bei August dem Starken (dort sollte ihm eine Mätresse zugeführt werden, der Rest ist Geschichte), und wohl von da an erwuchs in ihm der Wunsch, eine eigene Manufaktur zu errichten, und in der „Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur“ gipfelte jener, und in seinem Lieblingsdécor Bleu Mourant, dem „weinenden Blau“, dass die Berliner Schnauze bald als „blümerant“ verhöhnen sollte.

Da zeichnet nun wenig später, als wäre sie aus einer Rocaille des Rokoko entstanden, in dem Friedrich seine Jugend erlebt, ein deutscher Dichter die „Blaue Blume“ auf:

„Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken.“

So schreibt Novalis in seinem Fragment „Heinrich von Ofterdingen“, und diese Romantik ist es, die sich in den Herzen der Deutschen festsetzt, über die weiteren Jahrhunderte hinweg, ein Heldenmythos mithin, der noch schrecklichste Auswirkungen haben wird, doch dazu werden wir noch kommen müssen.

Die Blaue Blume wird Eichendorff inspirieren:

„Ich suche die blaue Blume,

Ich suche und finde sie nie,

Mir träumt, dass in der Blume

Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe

Durch Länder, Städt und Au’n,

Ob nirgends in der Runde

Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,

Hab lang gehofft, vertraut,

Doch ach, noch nirgends hab ich

Die blaue Blum geschaut.“

Doch das deutsche Bürgertum schaut sie, es ist behäbig und wohl(beleibt)gemut dabei, das neue Deutsche Reich zu genießen, mit dem, der die Krone der Paulskirche ablehnt (sie sei „aus Dreck und Letten“ gemacht) und König von Preußen bleibt.

Blau ist Zivilisation. Wie etwa bei Thomas Gainsborough: Der englische Maler war vor allem für seine Portraits gerühmt. Der „Blue Boy“ ist eins seiner berühmtesten Werke. Der Sohn eines wohlhabenden „Hardware-Dealers“, des Jonathan Buttall, ganz in blauer Seide – Gainsborough, „der große Experimentator“, wollte seinen Lehrer, Joshua Reynolds, widerlegen. Der hatte in einem Vortrag an der eben erst gegründeten Royal Academy konstatiert, dass Blau in Gemälden „der See und dem Himmel“ vorbehalten seien. „Der blaue Junge“, mit Schattierungen und Faltenwurf ohne Beispiel, straft Reynolds Lügen – aber er, der Altmeister, konzidierte seinem Schüler. „Ich habe mich geirrt.“ Leider hängt das Bild in Cleveland.

Es war das erste Gemälde von nationaler Bedeutung, das unter großen Protesten ins Ausland verkauft wurde an einen amerikanischen Eisenbahnkönig, Henry E. Huntington, das war 1919. Nach des Eisenhändlers Bankrott kam es in den Besitz des Poirtraitmalers John Hoppner, um 1809 gerät es zu Earl Grosvenor, bleibt in Familienbesitz, bis es der Duke of Westminster an den Sammler Joseph Duveen veräußert. Jener, nach dem der Duveen-Flügel des British Museum benannt ist und in dessen weiter Halle das umstrittene Parthenonfries eine neue, sichere Heimat fand und hoffentlich behalten wird. Das Bild ist recht eigentlich ein Staatsschatz, es ist so oft auf Postkarten u.ä. reproduziert, es wird mehrfach in der Royal Academy gezeigt – ganz England liebt “The Blue Boy”.

Ich selbst, da Blau meine Lieblingsfarbe ist – jedesmal, wenn ein blauer Nivea-Laster hier am Siemersplatz, nicht weit von Beiersdorf, vorbeifährt, habe ich Glück den ganzen Tag –, finde das Bildnis in einem in der DDR gedruckten, in rosa gebundenen Band „Kinderbildnisse“ vor, da bin ich keine 14. Und so werde ich zum Liebhaber von Gainsborough, eines längst zu Staub zerfallenen Kaufmannssohnes (ich nenne ihn zärtlich Maurice), und dem Azurblau der Côte d´Azure. Das ist für mich schon echt zivilisiert.

In dem Bändchen finden sich ein römisches Fresko aus Pompeii und koptische Sargmalereien auf Holz, die Jugendliche, allzufrüh Verstorbene zeigen. Und damit sind wir schon beim Lapisblau, zu reinem Gold, in jenem wohl größten Schatz der auf uns gekommen ist, vor viertausend Jahren: die Totenmaske des Tut-anch-Amun.

Denn nun gilt es, sich nach dem alten Ägypten den Sumerern, dann den Griechen, den Römern bis an die Fürstenhöfe Europas, und schließlich an die Kanzel eines Luther und das Rednerpult in die Paulskirche zu Frankfurt zu widmen – und auf besonderen Wunsch der Prinzessinenreporter der Farbe Rosa.

to be contd.

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Dieser Beitrag wurde am 3. April 2019 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar

Ein Gedanke zu „Zivilisation V. Warum Blau die zivilisierteste Farbe ist

  1. Dann empfehle ich „Zufälliges Blau“ von Ingrid Mylo:

    „Zufälliges Blau.
    Weltuntergangsstimmung,
    und dann
    geschieht Dir ein Blau:
    weil die Wolken aufreißen,
    weil der Rittersporn blüht,
    weil eine leere Packung Gitanes
    im Rinnstein liegt,
    weil ein Kind im Kobaltkleid
    von einem Balkon winkt.
    Und das Unglück verliert
    seine Wurzeln.“

    erschienen in Das Arsenal, und eine schöne Besprechung dazu von
    Georg Seeßlen in der Badischen Zeitung.

    schöne Grüsse, Antonie Betz

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