Zurückverlegen

Eine Fantasie zur Begrüßung des neuen Jahres. Von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Gegen die Wohnungsnot in der prosperierenden Hauptstadt schlug eine Freundin von mir einmal vor, jegliches Gewerbe, meist Praxen und Kanzleien, die sich in den Altbauten über dem Erdgeschoss eingenistet hatten, kurzerhand ins Parterre zurückzuverlegen. Denn da gehören sie hin, sagte sie, und ich staunte wie so oft über die für sie charakteristische Mischung aus Pragmatismus und Rechthaberei. Was man auf diese Weise an Wohnraum gewinne, ergänzte sie, das wäre eine ordentliche Menge. 

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Volksmusikkörperpflege

Video-Nachruf auf einen ganz großen deutschen Sangeskulturpfleger. Von Edler von Schwermuth

Unser Observatör Edler von Schwermuth hielt seinerzeit in Zeiten von Dunkelheit – am Vorabend von Karfreitag 1994 – das Wirken der Lichtgestalt Gerhard Albert Gotthilf Fischer in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs in Bild und schlechtem Ton fest, um Trost und Zuversicht für Gegenwart und Zukunft zu finden – getreu dessen Befund „Die deutsche Seele ist sehr verwundbar“.

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Keine Zeit für Kultur

Ein offener Brief an ein überflüssiges Format.

Von unserem Gastprinzen Jakob Belbo

Liebe Kulturzeit,

seit 25 Jahren bietest du Bildungsbürgern die Stichworte zur Distinktion sowie seichte Systemkritik zur moralischen Profilierung. Das habe ich vor einigen Jahren noch dankbar bezogen. Zwischenzeitlich ist mein Fernseher kaputt gegangen, weshalb ich kulturzeit-abstinent wurde. Als ich am 12. November 2020 dann durch einen Schub Langeweile motiviert die aktuelle Sendung aus der Mediathek von 3sat aufrief, ahnte ich nichts Schlimmes. Doch bereits der erste Beitrag machte mich sehnsüchtig nach RTL2. Zum Jubiläum der Bundeswehr darf Sönke Neitzel sein neues Buch bewerben, der sich über Afghanistan freute, weil die Bundeswehr „endlich mal kämpfen musste“. Das Buch „Deutsche Krieger“ posiert unterdessen im Laub auf einer Wiese (ein echter Soldatenfriedhof!).

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Das investigative Interview und der Radiokommentar

Eine Handreichung von unserer Qualitätsjournalistin Ilse Bindseil

  1. Thema: Das investigative Interview (Journalismus im Masterstudium, Aufbaukurs, externes Angebot: gebührenpflichtig (siehe Formblatt). Zur angebotenen Leistung gehört die Kontrolle der Hausaufgaben dazu (Hausaufgaben siehe unten).

Es geht darum, einige Grundregeln zu vermitteln, die nicht durch allzu große Ausführlichkeit der Lehrenden verwässert, vielmehr durch tägliche Wiederholung auf Seiten der Probanden, mindestens aber vor jedem anstehenden Interview geübt und angeeignet werden sollen. Je mehr jemand mit diesen Regeln vertraut ist, desto kursorischer darf die Wiederholung sein, so dass es nach einer Weile wie beim autogenen Training in der Kurzform heißt: Investigation ist investigativ. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.

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Dieser Eintrag wurde am 29. November 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

Gott hält Rat

Protokoll der acht Sitzungen zum Zusammenbruch der Geschlechterordnung. Von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil, die exklusiv dabei war

Erste Sitzung

Gott räuspert sich: Ich habe dieses Gremium einberufen, um zu klären, wie es zum Zusammenbruch der Geschlechterordnung kommen konnte. Gott hüstelt: Vielleicht sollte ich lieber, äh, Genderordnung sagen, sonst kommt noch jemand auf die Idee, ich dächte an die glorreichen Familien von anno dazumal, deren Zeit schon so lange abgelaufen ist, Gott, äh, sei’s geklagt. An die denke ich oft. Da waren wir selbst noch jünger.

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Dieser Eintrag wurde am 31. Oktober 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

Mir ist so nach Trompete zumute…

Liebe Mitstaatsbürgers,

eine Wutrede von Prinzessin Ramona Ambs

Ich wollt Euch nur kurz sagen: Ich bin nicht müde.
Ich bin im Gegenteil hellwach und stinkwütend. – Liebe Deutsche,- Ihr geht mir auf den Wecker. Ja, alle. Ich hab nämlich grad Befindlichkeit. Sowas hat man manchmal, wenns zuviel wird. Ich weiß, ich weiß- so was ist echt doof und undifferenziert bei sachlichen Debatten und bei Juden hat man sowas ganz besonders nicht gerne. Juden, – das sind doch die Opfers, die stets weise, geduldig und stumm jede Demütigung ertragen und danach immer wieder die Hand zur Versöhnung reichen. Juden, das sind die, die Eure Kultur reicher und schöner machen. Und ein bisschen melancholischer, nicht wahr? Hört Ihr grade nicht auch den zärtlich-traurigen Klang einer Klarinette?
-Mir ist grad leider mehr nach Trompete zumute.
Ich bin es nämlich leid das ewige Geeiere um uns Juden. Ehrlich Leute, get over it. Wir können echt nix dafür, dass Eure Vorfahren die größten Judenmörder aller Zeiten waren. Wir nehmen es Euch nicht übel, Ihr könnt nix dafür- aber wir nunmal auch nicht. Wir leben hier und beteiligen uns am politischen und sozialen Leben- so wie wir sind. Wir haben große Geister, unerträgliche Knalltüten und kleinere Helden. Wir sind- Achtung, nicht erschrecken!- ganz normale Leute. Igor Levit ist ein normaler Mensch. Er engagiert sich für und gegen vieles. Unter anderem auch gegen Nazis. Das tut er mal mehr mal weniger gelungen. Man kann, wenn man sonst keine lustigen Hobbies hat, natürlich auch kritisieren, dass und wie er sich engagiert. Aber man sollte dabei die alten antisemitischen Ressentiments stecken lassen. Wenn man die nämlich auspackt, dann muss man mit Widerspruch rechnen. Zumindest von jüdischer Seite. Die anderen widersprechen bisweilen auch,- aber nie um ihretwillen, sondern immer mit Verweis auf uns Juden. Die deutschen Intellektuellen diskutieren jetzt ernsthaft seit Tagen, dass sich Levit- als Jude- doch auch mal gegen Nazis wehren darf. Oder dass er- als Jude- halt auch mal überreagieren darf. -Hackts Euch eigentlich? Wie wärs, wenn Ihr mal überreagieren würdet? Fänd ich ziemlich prima. Die antisemitischen Straftaten steigen hier seit Jahren und ich lese und höre die immer gleichen Betroffenheitsfloskeln. Salbungsvoll. Jovial. Und so mega wohlwollend gegenüber uns Juden. Aber nie emotional betroffen. Nie persönlich wütend. Und fucking nie überreagierend. Wenn Ihr auf dem Level weiterhin Nazis bekämpfen wollt, dann könnt Ihrs gleich lassen. Wenn Ihr den Antisemitismus nur wegen uns Juden ablehnt, dann habt Ihr nicht kapiert, was mit ihm einhergeht. Ihr sollt Judenhass nicht ablehnen wegen uns, sondern wegen Euch. Euch sollte es unangenehm sein mit solchen Leuten im gleichen Boot zu sitzen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob auch ein Jude mit an Bord ist. .. Also fangt gefälligst mal an wütend zu sein. Nicht unseretwegen, sondern Euret- UND unseretwegen.

sincerely, your funky jewish princess

Die neue Ära Strauss

Von unserem Modetrendscout Robert Friedrich von Cube

Die gute Nachricht: Die Hegemonie der Outdoor-Bekleidung ist vorbei. Die schlechte Nachricht: Jetzt regiert Engelbert-Strauss. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, achten Sie bitte ab jetzt auf den kleinen weißen Strauß auf rotem Grund, der an vielbetaschten Hosen, wetterfesten Jacken, Mützen und Stiefeln prangt. In der Fußgängerzone von Bad Orb, der nächstgrößeren Stadt neben dem Firmensitz Biebergemünd, liegt (nach höchst subjektiver Schätzung, fahren Sie mal hin) die Quote von Engelbert-Strauss-Bekleidung schon bei über 90 %, aber auch im Rest von Deutschland wächst sie unaufhaltsam.

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Plädoyer für analogen Katzencontent

Ein Gästinnenbeitrag von Glückskatze Lilli

Vorbildlich optimierter Katzencontent

Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass die Zweibeiner*innen ihr Internet vor allem für Porno, Verschwörungserzählungen und Katzencontent, der sich über uns lustig macht, nutzen. Das alles verbraucht Unmengen Energie und macht unschöne CO2-Abdrücke. Merke: Nur Katzenabdrücke auf der Wiese sind klimaschonende Abdrücke. Aufklärungsfilme über Ursprung, Wesen und Verhalten der Feliden dienen freilich der Bildung, die Zweibeiner*innen regelmäßig konsumieren sollten. Diese dürfen zur Abwechslung auch cartoonesken Charme haben, da viele Zweibeiner*innen es mit der Aufklärung ja nicht so recht haben. Doch das ist ein anderes Feld.

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Mit Tocotronic im Indiezimmer

Prinzessin Marit Hofmann tanzt Martin Büsser und Tocotronic. Eine Musikvideoparodie von und mit Zeremonienmeister Fritz Tietz.

Der Ventil Verlag hat Freunde und Weggefährten des Autors und Musikkritikers Martin Büsser (1968 – 2010) gebeten, Texte von ihm einzulesen und auf diese Weise an ihn zu erinnern. Gerade erschienen: ein neues Buch mit Büsser-Texten.

Mit Dank an Tocotronic/Rock-o-Tronic Rec., Moritz Voß, Renate von Löwis of Menar, Marlene Voß, Burghild Hofmann, Diyar Hofmann (Stunts), Käthi die Kuh, Mira Klarisse das Kalb, Robin das Rotkehlchen.

No animals were harmed in the making of this film.