Frau S. äußert sich (1)

Eine Miniserie von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

Torte für Frau S. zum Serienstart www.flickr.com/photos/eldriva/

1. Folge: Frau S. äußert sich über ihr Gewicht

Frau S., mit der wir durch besondere Umstände verbunden waren, erzählte uns über die Fatalität ihrer Leibesfülle Folgendes. Sie hasse ihren unförmigen Körper, aber sie liebe es zu essen. Das Fatale sei, dass sie zwischen Letzterem und Ersterem keinen Zusammenhang erkennen könne. Sie wisse um diesen Zusammenhang, sie sei ja nicht blöd, aber sie könne sich ihn nicht aneignen. Für sie gebe es kein fremderes Wissen als dies.

Dieser Eintrag wurde am 8. Juli 2020 veröffentlicht. 2 Kommentare

sommer gedicht

von unserer gastprinzessin kuku schrapnell

ich wünscht ich könnt beim paddeln stehn
und müsste niemals untergehn 
mein körper glatt in neopren 
und extra schuhe mit so zeh’n

beruflich würd es auch gut gehn 
manchmal kleine dinger drehn
ein bisschen was am staat vorbei
auch echt nicht viel, nur eins, zwei, drei

milliönchen nicht, nur hunderttausend
mein mann sagt auch, dass die erlaubt sind 
zumindest schon auch gern gesehn 
denn die konjunktur soll aufwärts gehn 

ich wünscht, ich könnt beim paddeln stehn
und müsste niemals untergehn
der stand ist fest, die wirtschaft auch
die sonne scheint mir auf den bauch

Die Stones und ich

Aus dem Familienalbum unseres Gastprinzen Harald Justin

Fotos: Harald Justin

Die Rolling Stones gehörten immer schon zu meiner Familie. Oder ich zu ihrer. Ich erklärte mich zu ihrem Familienmitglied, ohne ihr Wissen, bin mit ihnen aufgewachsen, so wie mit der Sonne, dem Mond und den Sternen. Sie waren immer da, die bessere Familie. Vom wem sonst sollte man in den 60er Jahren juvenilen Tugendterror erlernen? Den ersten hysterischen Kreischalarm übte ich 1965 ein, als mir die anderen Erziehungsberechtigten den Besuch des Rolling Stones Konzerts in der Essener Gruga-Halle untersagten.

Weiterlesen
Dieser Eintrag wurde am 14. Mai 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

Reich und Naiv: Die Corona-Proteste

von unserem Demokratiebeauftragten Benjamin Weissinger


Als Demokratiebeauftragter haben ich lange geschwiegen – vielleicht zu lange. Als dieses fürchterliche Virus sich in Deutschland ausbreitete und es zu sogenannten „Lockdown“-Maßnahmen kam, nickte ich sie zunächst ab. Klar, wir müssen zuallererst uns selbst und dadurch gerne auch andere vor Ansteckung schützen. Schnell fiel mir aber auf, dass meine Rechte als reicher Bürger in Frage gestellt waren. Freier Zugang zu Autohäusern und meinen Lieblingsrestaurants war versperrt. Meine Angestellten blieben zuhause: Isolation! Dass jemand wie ich nie gelernt hat zu kochen oder „mal eben“ im Supermarkt einzukaufen, hatte die Politik nicht bedacht. So musste ich mir wie ein Student jeden Tag Essen bestellen. Am Anfang war das ja noch urig. Aber irgendwann will man auch mal wieder an einem vernünftig gedeckten Tisch sitzen und bedient werden. Und die Gespräche und Anekdoten, mit denen ich die Kellner immer unterhalte – die vermissen mich. Soziales Erleben total runter gefahren. Dazu sorgen um mein Aktienportfolio. Sicher, ich habe auch in Immobilien investiert, ich bin ja nicht blöd. Aber trotzdem, reicher bin ich jetzt nicht geworden. Weiß nicht, ob das wirklich im Sinne des Erfinders ist. 
Lange Vorrede, kurzer Sinn, ich fand die Maßnahmen dann auch nicht mehr gut. Von Bekannten hörte ich, dass sich Widerstand formiert – allerdings seien unter den Demonstranten oft Nazis, Verschwörungstheoretiker und Obskuranten, die die Demokratie generell ablehnen. Das schockierte mich. Es muss doch möglich sein, dass man wieder machen darf, was man will, ohne unsere demokratischen Werte abzulehnen. Komisch. Ich entschloss mich, an einer solchen Demo teilzunehmen, um mir selbst ein Bild zu machen. Mit Maske und Schutzanzug natürlich. Ich bin zwar nicht unbedingt ein Risikopatient, aber Krankheiten aller Art sind meine Sache nicht. Also lieber „Nummer sicher“.
Als ich bei der Demo ankomme, haben sich schon einige Menschen versammelt. Die Stimmung ist teils heiter, teils aufgebracht. Auffällig viele tragen keine Maske. Naja, freies Land. Als ich für meinen „Aufzug“ kritisiert werde, erinnere ich die Leute daran, dass jeder machen und meinen darf, was er will. Das Argument zieht. Gut gelaunt höre ich den Redebeiträgen zu. Ein Herr Gates will alle Deutschen mit einer Fernsteuerung kontrollieren und in den U-Bahn-Schächten der Stuttgart 21-Baustelle warten kampfbereite Flüchtlinge, die im Falle eines Bürgerkriegs auf uns Deutsche losgelassen werden sollen. Das wusste ich zum Beispiel alles nicht. „Das ist noch nicht mal die Hälfte der Scheiße, die momentan hier abläuft“, raunt mir seitlich einer zu. Das klingt ja nicht so gut, denke ich. Aber so ganz verstehe ich die Zusammenhänge zur Öffnung der Biergärten und Opern jetzt noch nicht. Plötzlich erhebt sich ein Sprechchor: „Mei-nungs-frei-heit, Mei-nungs-frei-heit!“ Da stimme ich gerne mit ein. Ein etwas rotnackiger Herr mit Runen auf dem T-Shirt geht an mir vorbei und schreit „Volksverräter“, ein Lehrer Mitte 50 fordert das „Ende der Besatzung“, dann wieder so eine Art Blumenkind, auf dessen Schild steht, dass man Corona wohl mit Engelwurz behandeln kann. Ehrlich gesagt wird mir das alles ein bisschen viel, merke, wie ich den Überblick verliere. Hieß es nicht mal bunt statt braun? Jetzt ist wohl bunt und braun angesagt. Ich weiß es nicht, ihr Lieben. Einen Waffelstand gibt es leider auch nicht und unter meiner Schutzkleidung werde ich furchtbar durstig. Habe genug gesehen und fahre nach Hause. 
Dort angekommen, bin ich irgendwie seltsam froh, wieder alleine zu sein. Als Demokratiebeauftragter kann ich nur sagen, man sollte mit meinen Grundrechten etwas vorsichtiger umgehen, aber was die anderen da alles sagen und fordern, ist eher mit Vorsicht zu genießen. Müssen die nicht auch arbeiten eigentlich? Der Wirtschaft geht’s ja nicht so gut. Also vielleicht mal mehr arbeiten und weniger Quatsch erzählen. 
Mein Fazit der momentanen Lage fällt gemischt aus: Demokratie und Meinungsfreiheit scheinen momentan noch zu bestehen. Es gibt aber viele verschiedene, teils krude Ansichten, wie es weiter gehen soll. Ich habe so das Gefühl, es wäre wirklich wichtig, wenn Vergnügungsparks und Sportveranstaltungen wieder stattfinden, dann kommen die Leute auf andere Gedanken und ich kann auch wieder zum Pferderennen. 

Dieser Eintrag wurde am 10. Mai 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

Gib alles


Letzte Anrufung des Herrn
.

Von unserem Gastpoeten Martin Jürgens

Herr, du warst groß,

Doch jetzt nicht mehr.

Du nahmst, was sich 

Dir bot, von allen. 

Gib es wieder her, 

Gib alles, los!

Weiterlesen

Mein Staat II

Wäre mein Staat dafür zuständig, dass er nicht an der Spanischen Grippe stirbt? Der Träumerei zweiter Teil, mit eingebautem Update. Von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

♕ 1 Mein Staat ist kein Sozialstaat. Er ist kein fürsorglicher Staat. Er ist kein Beschwichtigungsstaat. Er verweigert die Kohabitation oder Symbiose mit Aufgaben, die definitiv nicht polizeilich, sondern fürsorglicher Natur sind. Vor die Alternative, Polizei oder Fürsorge, gestellt, entscheidet er sich für die Polizei. Na gut, sagt er, dann bin ich eben ein Polizeistaat. Aus der Geschichte weiß er, dass das Zusammengehen von Polizei und Fürsorge der Anfang oder die Grundlage des Faschismus ist. Faschismus, weiß er, ist Polizei plus Fürsorge, damit fängt es an. Oder: So hört es nie auf. In dieser Verklammerung ist der Faschismus immer eine Option. Er ist immer gegenwärtig. Er ist immer das, was beschwichtigt werden muss.* Wenn der Staat es ernst meint mit der Konstruktion eines nicht faschistischen Staats, muss er darauf also verzichten. Auch wenn er dann mit leeren Händen dasteht. Dieses Gefühl, mit leeren Händen dazustehen, ist sozusagen das Kriterium eines nicht faschistischen Staats.

*Als beschwichtigendes Fernsehen hat ein Kommentator das deutsche bezeichnet und damit punktgenau die Kalamität getroffen.

2 Mein Staat weiß, wenn er nicht über sich nachdenkt, dann tut es keiner. Seine Geschichte nimmt er ernst, er hat sich mit ihr befasst, nicht als Anhängsel und Ausdruck von allem Möglichen, sondern als die Geschichte, die von ihm handelt, in der erkennbar wird, was es mit ihm auf sich hat. Prompt wirkt er kleiner. Nicht mehr so aufgebläht. Nicht mehr so verbacken. Nicht mehr so natürlich. Nicht mehr so persönlich. Nicht mehr so – dinglich. Kaum mehr scheint er als eine Form.

Jeder, der über den Staat nachzudenken meint, macht ihn ja zum Spiegel seiner eigenen Bedürfnisse, schreibt ihm dies und jenes zu, erhöht ihn im Maßstab seines Größenwahns und saugt aus der Schwierigkeit, ihn zu beschreiben, noch den Honig der allerhöchsten Unbegründbarkeit und Souveränität. Zeit, dass der Staat dieser Fremdbestimmung eine Schranke setzt. Er tut das, indem er sich selbst bestimmt. Sich selbst bestimmen heißt, alles das aus sich herausschneiden, was man nicht ist. Es heißt nicht, zu sagen, was man ist, sondern was man nicht ist. Damit ist dem Bedürfnis der Ideologen, den Staat zu bestimmen, eine wirksame Schranke gesetzt. Auch das Staatsvolk unterscheidet höchstens zwischen Gut und Böse, kapiert nicht, warum er sich der guten Eigenschaften, wenn es sie ihm zuschreibt, genauso erwehrt wie der schlechten. Sobald es um das Nicht geht, klappt es die Ohren zu, sagt ratlos: Was will er? Das oder das? Ist er vielleicht der Allerhöchste, der über den Eigenschaften thront? Nein, auch das ist er nicht. Wäre er der Allerhöchste, hätte er noch mehr Mühe: aus sich herauszuschneiden, was das Allerhöchste ist. Deshalb ist er glücklich, wenn es eine Nummer kleiner geht und er nur das Paternalistische aus sich herausschneiden muss, das Zugewandte, das jedem ansteht, der mit Menschen zu tun hat, sofern er ein Mensch ist, aber er ist ja ein Staat. Er kommt damit seiner Selbstbestimmung nicht nur näher – obwohl, wer weiß, wo das endet −, viel unmittelbarer ist der Effekt, dass das Nicht, dass jedes seiner Selbstzuschreibungen, wie die Philosophen sagen, „begleiten können muss“, sich wie eine Membran um ihn herum legt, so dass die Verehrung, auch die beständige Forderung nicht andocken kann. Wie willst du zu jemandem erfolgreich ja sagen, wenn er beständig nicht sagt. Nicht nein, wohlgemerkt, das ginge ja noch an, sondern nicht. Sogar das Volk wendet sich schließlich von ihm ab. Hört auf zu lamentieren und macht sein eigenes Ding.

♕ 3 In meinem Staat geht das große Gesellschaftsspiel zu Ende, das da lautete: Was bekommen wir vom Staat? Wie werden wir versorgt? Was ist er uns schuldig? Was enthält er uns vor? Warum tut er nichts für uns, warum sieht er uns nicht! Es war ein seltsames Gesellschaftsspiel, das Rechte und Linke einte, denn auch die Linke wendete sich an den Staat, fordernd und vorwurfsvoll, vorzugsweise im Irrealis, denn dieser Modus galt ihr ja für links. Er gibt nicht, sagte sie anklagend, aber er müsste. Er müsste, aber er tut’s nicht! In meinem Staat kann man studieren, worüber die Linke redet, wenn sie nicht mehr sagen kann: Der Staat hat wieder nicht. Wie sie kommuniziert, wenn sie nicht mehr in diesem seltsamen Dreieck agiert: sie, der Staat und die Leute. Sondern ohne einen Dritten, den sie als Gegner präsentieren kann, aber als Verstärkung  im Auge hat. Der für alles zuständig ist, aber noch das Mindeste versäumt, dem man dies Mindeste also vorwerfen kann. Gibt es dies Mindeste nicht, müsste man sich statt seiner mit dem Größten beschäftigen, aber womit, wenn nicht mit dem Staat? Mit der Gesellschaft, der Wirtschaft, dem Leben? Verzeiht, dass ich schmunzele. Wirtschaft klingt ja, als wollte man einen heben gehen. Ökonomie hat sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft verbarrikadiert. Gesellschaft? Ein Schimpfwort für die Soziologen, die sich etwas zurechtgemacht haben, einen Zombie für die Zombies. Leben? Hat’s auf allen Ebenen verspielt. Ungleich angenehmer ist die Rede vom Staat als dem großen Übersetzer des Wirklichen ins Politische,  ins Symbolische. Was ist das Symbolische? Ein Raum, wo man sich verhalten kann, wo man sich unterhalten kann. Eine Sphäre, in der sich wunderbarer Weise immer ein Spielraum auftut, ein Verhandlungsgegenstand sich anbietet, eine Kommunikationssituation genutzt werden will. Der Staat tritt dem Volk als Partner gegenüber. Wir und der Staat, sagt das Volk, das sind zwei gegen den Rest der Welt.

4 Mein Staat ist nicht der Statthalter des Politischen. Ich sagte es bereits: wenn, dann der Statthalter des Polizeilichen. Soll ich zuerst sagen, worin das Polizeiliche besteht oder was für meinen Staat die größte Herausforderung ist? Wer ein ernsthafter Konkurrent ist, wollt ihr das zuerst hören?

Der ernsthafte Konkurrent kommt als siamesischer Zwilling daher: Es sind dies der bürgerliche Staat, der sich auf seine demokratischen Werte rückbesinnt, und der autoritäre Staat, der sie überwindet. Kurz, es ist der bürgerliche Staat, der einen Schritt zurück und der autoritäre, der einen Schritt vorwärts macht, beide in Übereinstimmung mit dem Schritt des jeweils anderen, so dass man auch sagen kann: Der ernsthafteste Konkurrent meines Staates ist die Krise. Sie lässt das Bild eines Staates entstehen, der sich sei’s auf seine Werte, sei’s auf seine Stärke besinnt und in dieser Konstellation den Eindruck vermittelt, sich selbst im Blick und das Land im Griff zu haben, entweder den Staat sans phrase oder den Staat als Phrase. 

Was hat der Staat, dass ich ihn verteidigen mag? Diese Frage bewegt den nachdenklichen Bürger. Sie produziert die Inbrunst, die meinen Staat blass aussehen ließe, gälte sie nicht bloß für die Krise. Aber sie wächst mit ihr und schwindet mit ihr. In der Krise entsteht das Schattenbild eines Staates, der wie eine Verkörperung der aristotelischen Mitte ist, wo nicht der Superlativ gilt, sondern der Elativ. Elativ? Das, was sich nicht steigern lässt, was das Größte ist, wenn man es denn erreicht, aber man kann sich ihm nur annähern. Großmut und Großzügigkeit, Selbstbeherrschung und Selbstlosigkeit, Mut. Aristokratische Werte allzumal, geben wir es doch zu. Eine Quadratur des Kreises, wenn der Bürger sie zu seinen erklärt. Ein Schattenbild, wie gesagt, bei dem die Krise dem Piefigen Flügel verleiht.

Was fehlt dem Staat zum Staat? fragt die autoritäre Rhetorik. Ein Anführer, jemand, der sich traut. Der die Sache übernimmt, so dass  ich mich einklinken oder ausklinken kann. Dass ich ebenso gut sagen kann „Ich und mein Staat“ und „Die da oben. Sollen sie doch machen.“ Es ist ja alles da: die großen Worte, die Werte. Nur die Traute fehlt. 

Meinem Staat fehlt alles, bloß stark ist er. Jeden Annäherungsversuch, jeden Anbiederungsversuch wehrt er ab. Lässt es gar nicht erst zu, dass sich Übernahmefantasien an ihn heften. Hier gibt’s nichts zu übernehmen, bedeutet er den Interessenten.

♕ 5 Mein Staat, wenn er sich mit sich selbst beschäftigt, schickt nicht in Gedanken Truppen an die Grenze oder lässt Tiefflieger über seine Weizenfelder donnern. Nein, er beschäftigt sich mit sich wie ein Bürger, der nach des Tages Mühe durchs Fernsehen zappt, die sozialen Kontakte prüft und einen Blick aufs Dating-Portal wirft, einen entspannten, wohlgemerkt, keinen verkrampften. Gelegentlich, wenn mein Staat  mal nicht mit Abwehren und Ausmisten zugange ist, wirft er einen neugierigen Blick auf jene andere Welt, in der es Dinge gibt, von denen er nur träumen kann. Wie gesagt, er träumt nicht von Armeen, Grenzzäunen, hoch wie der Eiffelturm, er träumt sich ins normale Leben hinein. Zivil, träumt er, hat das mit mir zu tun? Bürgersprechstunde, nur mal als Beispiel, wär das was? Aber wer spricht und wer hört zu?

Weiß nicht, sagt mein Staat und denkt an was Einfacheres. Verwaltung, denkt er. Bin das ich?  Ist das ein Staat ohne Staat? Sachlichkeit pur: faszinierend. Allein schon die Idee bringt Hasser und Verehrer hervor. Aber die Verwaltung ist die Sache der Verwaltung. Meine Sache, denkt mein Staat, ist der Staat. Wollen doch nichts durcheinander bringen. Wenn jeder sich zurückzieht aus dem Gebiet, auf dem er nichts zu suchen hat, dann kann das Freigeräumte einen freien Blick auf sich werfen. Mal sehen, was dabei herauskommt. Gewiss nichts, was mit dem Staat zu tun hat: the less you put in the less you get out, zu Deutsch: was du nicht reingetan hast, kann auch nicht rauskommen. Der Staat mag es bedauern, wenn das Feld, das er geräumt hat, sich nun ohne ihn entwickelt. Verwaltung, denkt er, das wär wie ein Puzzle mit 15 000 Teilchen. Samt Unterlage zum Zusammenrollen und Fixierer.

Mein Staat sehnsüchtelt vielleicht ein bisschen, aber er verliert sich nicht. Wenn es ganz kritisch wird, gerät er ins Träumen, wer träumt, der sündigt nicht. Immer wieder kommt er auf die Verwaltung, was hat er nur mit der? Um mal ein Beispiel zu nehmen, Max Weber, der war für die Verwaltung zuständig, will sagen, er hatte es drauf. Wäre mein Staat dafür zuständig, dass er nicht an der Spanischen Grippe stirbt? Hätte Max Weber über die Verwaltung nachgedacht und mein Staat ihn gerettet? Mit jener Mixtur aus Verwaltungs- und polizeilichen Maßnahmen, für die ein Staat wie geschaffen ist? Wie geschaffen für die Spanne zwischen Verwaltung und Krankheit?

Ich nicht, denkt mein Staat und hält sich die Ohren zu. Weder hätte ich ihn gerettet noch bin ich dafür geschaffen. Erbittert tönt es von allen Seiten, dass man es schon ein Ohrgeräusch nennen kann. Ist aber nur das Rauschen, nein, nicht des Blätterwalds, auch nicht – sic! − des Seins, sondern der Leere, die sich bemerkbar macht, wenn man einmal nicht das denkt, was man immer denkt.

Bis zur Umsetzung unseres Journalismusfinanzierungsdekrets kann unsere Arbeit mittels eines einfachen Klicks auf den „Spenden“-Knopf gleich oben rechts unterstützt werden. Oder mit einem Einkauf in unserem Shop.

Kant oder Sex

Macht hat in den heutigen Debatten den skandalösen Status von etwas, was nicht erklärt werden muss, und Sexualität – überhaupt keinen Status. Da ist unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil der alte Trieb lieber

 

Kant fällt mir ein. Wenn er die Ehe als eine vertragliche Übereinkunft zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge beschrieb, so diskreditierte er sich damit bei allen fühlenden Menschen – so nannte man sie in der hohen Zeit der Literatur −, die sei’s von der Ehe, sei‘s vom Sex mehr erwarteten als das, was ein trockener Vertrag oder ein sachlicher Gebrauch zu bieten haben.

Weiterlesen

Dieser Eintrag wurde am 17. März 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

In meinem Staat – Update

Aktualisierung (aus gewissen Thüringer Anlässen) der Träumerei von unserer Gastprinzessin Ilse Bindseil

 

♕1 In meinem Staat ist eine Minderheitsregierung nicht erlaubt, weil diejenigen, die gewählt haben, allenfalls denen gegenüber, die nicht gewählt haben, in der Minderheit sein können, ansonsten aber schlechthin die Mehrheit sind. Sie durch eine Minderheit ihrer Repräsentanten repräsentieren zu wollen, wäre absurd. Dem Wahlvolk eine Repräsentanz zu verschaffen ist ja das Ziel der Wahl, und dieses Ziel kann nicht aufgegeben werden, nur weil keiner zahlenmäßigen Mehrheit eine politische Mehrheit entspricht. Eine solche Lösung beschädigt das Vertrauen in die repräsentative Demokratie. Sie drückt aus, dass die Wähler falsch wählen können, obwohl nichts am Wahlmodus sie darauf hinweist. Sie drückt aus, dass die politische Klasse wichtiger ist als das Wahlvolk. Sie setzt die Wahrheit der Politik über die Wirklichkeit des Wahlvolks und treibt die Politik damit in einen imaginären Raum, in dem Vermeidung und Verleugnung die Oberhand haben und das So-tun-als-ob dominiert. Weiterlesen

Dieser Eintrag wurde am 28. Februar 2020 veröffentlicht. 1 Kommentar

The End of Lilibeth

Lord Harold Stazol

Unser royaler Hofreporter Harald Nicolas Stazol weiß jetzt schon, was passieren wird, wenn die Queen stirbt

Am 2. Juni 1953 wird Elisabeth II. zur Königin gesalbt. Seine Exzellenz, der Bischof von Canterbury hält inne, bevor er einen Tropfen des heilige Öls auf das Decolletée der jungen, wunderschönen Frau dort auf dem uralten Thron Arthurs tupft, einmal vergisst er seinen Text, und im Moment, da die Königin die Staatskrone mit dem Cullinan-Diamanten, des größten, der je gefunden, auf ihr nun auch gesalbtes Haupt gesetzt bekommt, setzt sich die Crème de la Crème des britischen Hochadels die eigenen Kronen auf die erlauchten Köpfe. Weiterlesen